Haben Sie sich schon einmal gefragt, welcher Sitzplatz Sie im Notfall am besten schützt, wenn Sie einen Flug buchen? Wahrscheinlich nicht. Die meisten wählen ihre Sitzplätze eher nach Komfort aus, zum Beispiel wegen des Beinfreiheit, oder Bequemlichkeit, etwa dem einfachen Zugang zu Toiletten. Vielreisende reservieren oft Plätze so nah wie möglich vorne, um schneller aussteigen zu können.
Flugsicherheit
Zunächst sei betont: Fliegen ist das sicherste Verkehrsmittel. Im Jahr 2019 gab es weltweit knapp 70 Millionen Flüge mit nur 287 Todesfällen. Laut einer Analyse der US National Safety Council liegen die Chancen, bei einem Flugzeugunfall zu sterben, bei etwa 1 zu 205.552, im Vergleich zu 1 zu 102 im Straßenverkehr. Trotzdem schenken wir tödlichen Verkehrsunfällen meist weniger Aufmerksamkeit, während bei einem Flugzeugabsturz, wie einem ATR72 in Nepal, Schlagzeilen dominieren. Unser Interesse an Flugunfällen liegt wohl im Wunsch, deren Ursachen und Wiederholungswahrscheinlichkeit zu verstehen. Das ist positiv – denn so werden diese Tragödien gründlich untersucht, was die Sicherheit von Flügen weiter erhöht.
Sitzplatzwahl
Kaum jemand bucht einen Flug und hofft auf einen Sitzplatz in der Mitte der letzten Reihe. Überraschung: Genau diese Sitze sind statistisch die sichersten im Flugzeug.
Eine Untersuchung des TIME-Magazins, die 35 Jahre Flugunfalldaten analysierte, zeigt, dass mittlere Plätze in der letzten Reihe mit einer Todesrate von 28 % die geringste Gefahr aufweisen – verglichen mit 44 % bei Mittelplätzen am Gang.
Das ergibt auch logisch Sinn. Ein Platz am Notausgang ermöglicht immer den schnellsten Fluchtweg, sofern auf dieser Seite kein Feuer herrscht. Die Flugzeugflügel enthalten Treibstoff, was die mittleren Reihen bei Notausgängen als sicherste Option ausschließt.
Wer vorne sitzt, ist eher von Frontalkollisionen betroffen, was die letzte Sitzreihe als sichersten Rückzugsort erscheinen lässt. Warum Mittelplätze sicherer sind als Fenster- oder Gangplätze? Weil Passagiere am Rand als Puffer dienen.
Manche Notfälle sind schlimmer als andere
Die Art des Notfalls beeinflusst die Überlebenschancen stark. Ein Aufprall gegen einen Berg verringert die Chancen drastisch, wie 1979 bei der TE901 von Air New Zealand am Mount Erebus in der Antarktis mit 257 Toten.
Auch eine Wasserlandung mit schnellem Bug voraus schmälert die Überlebenschancen, wie beim Air France Flug 447 im Jahr 2009 mit 228 Todesopfern.
Piloten werden geschult, potenzielle Risiken im Notfall zu minimieren. Sie vermeiden Bergkollisionen und suchen möglichst ebenes Gelände, zum Beispiel ein offenes Feld, um zu landen. Für Wasserlandungen wird die Oberfläche geprüft und möglichst zwischen Wellen mit einem normalen Winkel angesteuert.
Flugzeuge sind für Notfälle sehr robust konstruiert. Der Grund, warum Flugbegleiter auf das Anschnallen hinweisen, sind nicht primär Unfälle, sondern die “Clear Air Turbulence,” die jederzeit in großer Höhe auftreten und Passagiere sowie Flugzeug gefährden kann.
Hersteller verwenden zunehmend Verbundmaterialien, die extremen Belastungen standhalten. Die Flügel sind nicht starr, sondern flexibel, um strukturelle Schäden bei hoher Belastung zu vermeiden.
Ist der Flugzeugtyp entscheidend?
Es gibt leichte Unterschiede, etwa durch Fluggeschwindigkeiten, bei verschiedenen Flugzeugtypen. Die Physik des Fliegens ist aber bei allen ähnlich. Große Flugzeuge haben mehr Strukturmaterial und können deshalb Druck in großer Höhe besser aushalten. Das kann im Notfall zusätzlichen Schutz bieten, hängt jedoch stark von der Schwere des Vorfalls ab.
Das bedeutet nicht, dass Sie Ihren nächsten Flug unbedingt im größten Flugzeug buchen sollten. Wie gesagt, Fliegen bleibt überaus sicher.
Artikel von Doug Drury, Professor und Leiter der Luftfahrt, CQUniversity Australia

