Für die bäuerliche Zivilisation war die Natur Chaos, das ständig von einer göttlichen Hand durch das Wirken der Heiligen und der Madonna geordnet werden musste. Figuren, die halfen, Not, Elend, Verzweiflung und Einsamkeit der entlegensten Dörfer zu überwinden.
Aus Hingabe errichteten die Lucanier auf den Bergen, zwischen den Wäldern, kleine Kirchen, die sie Heiligtümer nannten. Es gibt 82 davon, verteilt an den abgelegensten Orten der Region, nicht weit von einer Gemeinschaft entfernt. Meist der Madonna gewidmete Bauten, die einen tief in der Kultur, den Gewohnheiten und Traditionen verwurzelten Glauben nähren. Eine lebendige Präsenz, die niemand anzweifelt.
In Calvello herrscht am zweiten Sonntag im Mai reges Treiben. Es ist ein das ganze Jahr über erwarteter Tag: der Tag, an dem die Madonna zum Heiligtum des Monte Saraceno begleitet wird.
Die Hingabe ist total. Eine Menschenkette quält sich einen steilen und glitschigen Weg hinauf. Ein beschwerlicher Weg durch den Wald, um auf einen Felsenvorsprung in unmittelbarer Nähe des Monte Volturino, auf 1.320 Metern Höhe, zum “Heiligtum von Campagna”, der Sommerresidenz der Jungfrau, zu gelangen. Eine kleine weiße Kirche mit kahlen Wänden, die das gesamte Tal zwischen dem Monte di Viggiano und Caperrino überblickt. Sie wurde von den Benediktinern, den Gründern von Calvello, nahe einer alten langobardischen, später sarazenischen Militärstation errichtet, deren Name der Ortslage erhalten geblieben ist. “Königin des Monte Saraceno, bitte für uns!” Dies ist die Anrufung, die die Gläubigen, die bis hierher gekommen sind, an die Jungfrau richten, dargestellt in einer kleinen Statue mit intensivem Ausdruck. Die Statue, die mit großer Feierlichkeit ins kleine Heiligtum gebracht wird, ist nicht das Original, sondern eine Nachbildung des hölzernen Simulakrum, byzantinischer Herkunft, der “Madonna de Plano”, die zusammen mit der Pfarrkirche durch das Erdbeben von 1857 zerstört wurde.
Was gerettet werden konnte, wurde von einem neapolitanischen Künstler wieder zusammengesetzt, der die Teile mit Pappmaché verklebte. Sie ist in der “Caggia” eingeschlossen, der symbolischen Urne so großer Hingabe. Aus sehr hartem und schwerem Holz wurde sie von lokalen Handwerkern von Hand geschnitzt. Sie reproduziert sicher eine ältere Fassung. Die Caggia ist das unmittelbarste visuelle Element; sie ist für die Einwohner von Calvello das Bild der Madonna selbst, ihr Reichtum, ihr Stolz, die vertraute und übliche Weise, das marianische Symbol bereits als Kind zu erkennen. Sie ist der sichere Ort, auf den seit etwa einem Jahrtausend mit tiefem Glauben Bezug genommen wird.
Die Statue der Madonna des Monte Saraceno wurde am 9. September 1947 gekrönt. Ein Ereignis, das Tausende von Pilgern aus der ganzen Region mobilisierte. Die gläubigen Lucanier sammelten zwei Kilo Gold, um die Kronen zu gießen, die den Kopf der Mutter und des Kindes schmücken sollten. Zwei bezaubernde Diademe, mit Edelsteinen besetzt. Gleich zweimal, 1952 und 1981, wurden die Kronen von schändlichen Händen gestohlen. Gleich zweimal gelang es den Einwohnern von Calvello, der Statue ihr Recht auf Königswürde zurückzugeben. Am Tag der Prozession zum Monte Saraceno wird ein religiöser Ritus erneuert, dem sich das Volksfest, die Folklore und die Tradition des “Zusammenseins” im Namen eines gemeinsamen Glaubens anschließen. Am Vorabend dieser Reise werden im Ort die traditionellen “focanoi”, die symbolischen Feuer, entfacht – Symbole der Erneuerung, der Reinigung und ein ideeller Hindernis für das Passieren der Marienstatue.
Es wird wettstreitig um das Tragen der Caggia auf den Schultern gekämpft, und früher war es Brauch, einmal am Ufer des Flusses “Terra” angekommen, so zu tun, als gäbe es ein Hindernis für das Weitergehen.
Es wird von einem Einsiedler erzählt, der eine kleine Höhle direkt neben dem Heiligtum bewohnt haben soll. Glauben, Traditionen und Rituale, die die Kultur eines Volkes erzählen. Dieselbe, die noch heute jene bewegt, die von fernen Orten, aus angenommenen Heimatländern nach Calvello zurückkehren, die niemals die Geschmäcker, Gerüche und Atmosphären des Geburtsortes ersetzen können.
Der Ritus wiederholt sich am 8. und 9. September: Tage, an denen die Prozession den umgekehrten Weg nimmt: vom Monte Saraceno zurück zur Pfarrkirche; wenn die Caggia wieder in den Ort zurückkehrt, um den ganzen Winter dort zu bleiben. Wieder eine fröhliche und geordnete Kette; erneut eine Rast unterwegs im Heiligtum der Allmächtigen: einer alten Patronatskapelle, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Hier stärkt man sich auf dem Weg und betet in tausend Metern Höhe, im Zauber und der Ruhe eines unberührten Naturplatzes. Das Fest geht weiter und ist ein Fest der Farben, Klänge und Rituale im Namen einer erneuerten, wiedergefundenen Identität.

